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Wie alles anfing  

An einem Herbstwochenende Anno 2002, lese ich in der NZZ am Sonntag eine Story über die Insel Montserrat, bzw. ihr Fussball-Nationalteam, welches als 203. und somit letztes der FIFA-Rangliste platziert ist und somit zugleich als schlechteste Nationalmannschaft der Welt gilt, knapp hinter Bhutan auf dem vorletzten Platz.   Diese zwei Platzierungen gaben ein halbes Jahr vorher einem holländischen Filmemacher Anlass, auf den Fussball-WM-Finaltag 2002 (Korea/Japan) hin das Spiel der Spiele zu organisieren, eben Bhutan gegen Montserrat, um endlich herauszufinden, wer denn schlechter sei unter den schlechtesten. Der Film „The Other Final“ ist sehr empfehlenswert und die DVD kann für wenig Geld via Internet bestellt werden. Oder meine ausleihen.  

In Bhutans Hauptstadt Thimphu (2400 Meter über Meer) putzen die Bhutanesi die Strandsöhne mit einem 3:0 vom Platz.   Montserrat: 1995 und 1997 wurde die Insel von der Eruption des Vulkans Souffrière Hills verwüstet. Daraufhin verliessen zwei Drittel der fünfzehntausend Insulaner das Land. Und nun auch diese Fussballschmach!   Von der Geschichte um die Fussballnationalmannschaft(en) Montserrats (und Bhutans) immer noch fasziniert, dachte ich mir, man könne sich doch von denen zu einem Freundschaftsspiel einladen lassen. Also raus mit den Faxen. Innert ein paar Wochen schrieben beide Verbände auch brav  zurück: Ja, wir laden Euch zum Spiel ein. Signiert Montserrats Football Association, MFA’s Chairman Mr. Cassell, bzw. seitens Bhutans Foreign Ministers, zugleich auch Präsi des Fussballverbandes.                                                                            
 
Nichts wie hin zur Presse und blagieren, juhui, FIFA-Fussballländer laden Zürcher Hobbyfussballer zum Spiel ein… oder doch (noch) nicht? Also zählte ich vorerst mal zusammen, was eigentlich ein Reisli nach Montserrat für 1-2 Wochen kosten würde. Ohne näher auf (konditionelle) Gründe einzugehen, welche uns ein Spiel auf dem 2‘400 über der Meereshöhe liegende Bhutan hätte bereiten können, schien eine Variante Montserrat irgendwie einfach (auch am Strand) naheliegender.   Von der Idee Montserrat waren in der Beiz gleich von Beginn an einige begeistert. Von den ersten drei aber, die spontan zur Reise zusagten, hatten wir zwei Nichtfussballer und einer, mit zwei linken Füssen. Aber es sollte zum guten Glück noch besser kommen.   Im Laufe des Frühjahrs 2003 sind dann auch an die zwanzig Anmeldungen von Aficionados zusammen gekommen, die sich die einmalige Chance nicht nehmen wollten, einmal im Leben gegen eine richtige, offizielle Fussballnationalmannschaft der Welt zu spielen.  

Die Spieler rekrutierten sich teils (etwa ein Drittel) aus den Reihen des Vollmonds, teils aber auch aus dem damals darniederliegenden FC Friesenberg. Die dortigen Buben hatten soeben den Verein aufgelöst, also suchten sie nach internationalem Glamour. Vereinzelt da und dort las man weitere Kickers für das Abenteuer auf.   Die Insel Montserrat ist grün, voller Natur. Früher ein Offshore-Paradies par excellence. Über 100 Banken soll es in Plymouth gegeben haben. Villen, Rolls Rolls vor der Türe : Mittlerweile alles vom Vulkan überschüttet. Montserrat (heute 6‘000 Einwohner) ist eine Idylle. Das Gefängnis ist leer. Andere Länder, andere Sitten: wenn man sich im Auto kreuzt, hupt man. Und: findet jemand was auf der Strasse, deponiert er es bei Radio Montserrat welches wiederum über den Äther informiert.  

Eines Tages im November 2003 sind dann die Fussballpiraten abgeflogen und tags darauf auf der Insel Montserrat gestrandet. Es fanden zwei Spiele statt, das erste wurde mit 1:2 verloren – nach Pausenführung dank dem Tor von Untersander. Das zweite Game kostete mehr Energie, welche im Laufe der Woche durch Gerstensaft zwar generiert wurde, aber doch nicht ausreichte: 2:6-Niederlage. Zu sagen sind zwei Sachen: nach dem ersten Spiel liess Montserrat drei Jungs aus England für das zweite Spiel einfliegen. Thema Jungs: wir hatten ein Durchschnittsalter von 41, unsere Gegner summa summarum 22.   Aber die Loosers hatten ja alles schon gewonnen: die Tatsache, dass wir überhaupt hier waren und spielten war grundsätzlich als Sieg zu betrachten. Der Spaziergang bis zu den Toren der von Asche und Lava zugeschütteten Landeshauptstadt Plymouth war beindruckend. Dank unseres Filmemachers Renato Morell („Bin danach einen Monat lang nicht aus dem Haus“) hat heute jeder eine DVD von 120 Minuten daheim, die er jederzeit abspielen kann. Montserrats Fussballplatz in Blakes, gebaut dank der Unterstützung der FIFA mit 800‘000 US Dollars, gehört schlicht und einfach zu den schönsten der Welt: Eine Terrasse aufs Meer mit direktem Blick nach Antigua.  

Auf Antigua, sagte man uns damals, würde jeweils Ende November ein Veteranenturnier stattfinden, bei dem Teams aus allen benachbarten Inseln zusammenkämen: Guadeloupe, St. Kitts and Nevis, Barbuda, Virgins Islands etcetera. Oha! Also nichts wie hin? Na sicher. Es dauerte aber zehn Jahre bis ich wieder zwanzig Leute für eine derartige Reise zusammen hatte. Das Jubi ist aufgegleist. Im November 2013 steigt das Zurich Swiss Veteran Team wieder in die Hosen: zuerst das Revival-Spiel gegen die Nationalmannschaft Montserrats, danach der Astecs-Veteranen-Cup auf Antigua.

Die Fortsetzung  

Die Fortsetzung meines antesignanen Denken, wie Hobbyfussballer weit weg von zuhause einerseits internationale Fussballerfahrungen sammeln könnten, gekoppelt mit einer geopolitischen Reise, hatte seine Folgen in zwei Richtungen.  

Zuerst die Eigene. Auf Montserrat folgte Ende Juli 2005 eine Reise nach Gerano bei Rom, welche wiederum mit einem Spiel gegen eine Nationalmannschaft verbunden wurde, nicht jene von Arrigo Sacchi oder Giovanni Trappa Toni, nein, die des Bayuwaren Josef Ratzingers. Das Nationalteam Vatikans  formiert sich aus den besten Spielern der Vatikaneigenen Fussballmeisterschaft, bei der die verschiedenen Abteilungen (Zoll, Post, Museen, Schweizer Garde, Fahrer, Gärtner usw.) ihr Team stellen. Im Vatikan arbeiten 3‘500 Leute. Eine Juniorenabteilung mit Bubenmannschaften soll’s dafür eben so wenig wie Frauenfussball geben. Das Spiel gegen den Vatikan ging 2:6 verloren.  

Im Jahr danach folgte eine Reise nach Gibraltar. Dort existiert Fussball von 7 bis 77, trainiert und gespielt wird regelmässig bis Mitternacht auf dem Kunstrasen des Victoria Stadions. Jahrelang kämpfe die englische Kronkolonie am europäischen Südzipfel um die Aufnahme bei UEFA und FIFA, regelmässig stellte sich das Weltmeisterland Spanien dagegen quer. Aber mittlerweile soll die FIFA, die gerne von sich gibt, mehr Mitglieder als die UNO zu haben, auch Gibraltar aufgenommen haben. Auf dem Platz überrannten uns die jungen Gibraltanesen: es gab eine 1:17-Klatsche. Ohne Spass, Tatsache 1: bester Mann auf dem Platz war unser Tormann. Tatsache 2: das einzige Mal als wir über die Platzmitte kamen und ein Schuss ins Tor wagten, sank der Ball dank gütiger Mithilfe des Poniente-Windes in die untere, linke Ecke des gegnerischen Goals. Zwei Tage später schaute es im Spiel gegen Manchester United dank 2:6-Niederlage und Leibchentausch schon humaner aus. ManU? Ja, richtig gelesen.   2007 fuhr der Leise Reiter die Buben nach Wien, wo man im Schatten des Praters gegen die Wiener Sportjournalisten antrat.  

Nun kommt, wie unsere Montserrat-Reise weitere Opfer produzierte. Auf Grund meiner Reportagen über Montserrats Fussball in verschiedenen Sportmagazine des alten Kontinentes (u.a. SportBild, Guerin Sportivo, L’Equipe), entschied sich beispielsweise der FC Eurocommission in Brüssel ebenfalls gegen Montserrat zu spielen. Nicht, ohne sich vorher testmässig gegen uns zu messen. Somit kam es am 1. Mai 2004, am Tag der Osterweiterung der EU, zum Spiel des FC Eurocommission in Zürich, ausgerechnet im Nicht-EU-Land Schweiz. Grund genug für die Tageszeitung Bund in Bern, dort die Tageslektüre jedes unseres Politikers, eine Seite-3-Story daraus zu machen. Übrigens, die „Europäer“ spielten in Montserrat unentschieden.  

Ein kleiner Dorfclub, Gerano bei Tivoli, eine Autostunde von Rom entfernt, kopierte uns ebenfalls und reiste 2005 auf die Insel. Als der Clubpräsi und einer seiner Spieler, dem Gemeindepräsi, sich das doppelseitige Bild des Fussballplatzes in Montserrat ansahen, sagten sie sich spontan, dort müssen wir auch hin. In der Folge und zur 1‘000-Jahr-Feier des Dorfes, lud man uns nach Gerano zu einem Bruderschafts-Fussballspiel ein, was wir eben mit der Vatikan-Geschichte verbanden.  

Etwas später reisten Berner Hobbyfussballer nach Anguilla (nicht Antigua) und im Juli 2013 der Basellandschaftliche FC Lietsch City aus Liestal auf die Virgin Islands. Interessant in beiden Zusammenhänge ist, was man den Medien erzählte: „Wir nahmen die FIFA-Rangliste in die Hand, drehten sie um und suchten uns den Letzen aus“. Suppi, liebe Nachahmer, gute Ideen darf man immmmmmmmmmmmmmmmmmmmer wieder übernehmen.

Für uns ging die Saga weiter. 2013 sind wir wieder nach Montserrat geflogen - Revival-Game. Auf der Rückreise, Veteranen-Turnier auf Antigua. 

Die Antesignane aus der Grossstadt machten also Schule. Endlich geht 2015 auch der Traum Weihnachts-Insel in Erfüllung. 24 Leute reisen im November zur Christmas und den Cocos Keeling Islands. Vier Spiele. Und das weltweite Unikum der Krabben-Migration vor Ort erleben.

Traum? Wir träumen weiter. Erneut von Christmas/Cocos 2016 - für eine neue Gruppe Leute. Und 2017 von den British Virgin Islands zusammen in einem Päckli mit St. Martin/St. Maarten, in der Karibik. Alle dortige Nationalteams stehen bereit.

Träume sind erlaubt. Wir setzen sie um.

Giorgio Keller, Verein Kellair